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Michael Reinhard Heß

Turkologe · Autor · Übersetzer

Die Zypresse von gestern

  • Die Zypresse mich gestern beschattend erhobenen Kopfs überragte
    Das Herz unterlag ihrem Wuchs, es liebte zugleich, was sie sagte
    Auf einmal mit lachendem Herz der Rubin an die Sprache sich wagte
    Ich sah die Pistazie, Zuckerverstreuerin, niemals verzagte.
    ,Ein Perlenbehältnis dies könnte wohl sein?ʽ war es, was ich sie fragte
    ,Neinnein! Es hat Heilung für das, was dein Herz im Geheimen beklagte!ʽ

Aserbaidschanischer Originaltext

  • Dün sayә saldı başimә bir sәrvi-sәrbülәnd
    Kim, qәddi dirüba idi, göftarı dilpәsәnd
    Göftarә gәldi nageh açıb lәli-nuşxәnd,
    Bir püstә gördüm onda, tökәr rizә-rizә qәnd.
    Sordum: - mәgәr bu dürci-dәhәndir. Dedim. Dedi
    Yox, yox, dәvayi-dәrdi-nәhanındrur sәnin!

Anmerkungen zum Text

Die Zypresse (aserbaidschanisch: sәrv) ist eines der häufigsten Motive in der klassischen aserbaidschanischen әruz-Poesie (die man im Westen auch als „Diwandichtung“ bezeichnet). Sie taucht zum Beispiel auch in einer anderen Belegung in der kürzlich hier auf Facebook präsentierten Hamam-Ghasele Füzulis auf. Der Reiz solcher Motive liegt auch darin, dass sie von jedem Dichter und in jedem Gedicht neu und auf möglichst originelle, unvorhergesehene und nicht selten auch provokante oder sogar schockierende Weise interpretiert werden können.

Wie Mir Cәlal (1908-1978), der Herausgeber der oben übersetzten Strophe aus einem Sechsergedicht (aserbaidsachanisch: müsәddәs) zu der Strophe erläutert, handelt es sich bei den letzten drei Zeilen um eine wörtliche Rede der geliebten Frau (mәşuqә). Dies bedeutet unter den Voraussetzungen, dass es sich um ein erotisches und heterosexuelles Gedicht handelt, logischerweise, dass in den meisten Zeilen der Strophe von den „herzraubenden“ (dirüba) Qualitäten des männlichen Gespielen die Rede sei.

Dass ein Teil dieser Qualitäten mit einer Metapher für das „Hochaufragen“ beziehungsweise den „Wuchs“ (qәdd), als „mit einem Kopf (oder kopfartigen Element) oben“ (sәrbülәnd) versehen beschrieben wird, dass das Beschriebene in der Lage ist, sich zu „öffnen“ (-) und zucker- (qәnd) oder perlenartige (die Interpretation mit den Perlen stammt von Mir Cәlal, der in dem erwähnten „Kästchen“, dürc, eventuell auch ein Perlenkistchen vermutet), also weiße, tendenziell kleine und von fern betrachtet fast einer Flüssigkeit gleichen könnende, Dinge „auszuschütten“ (tök-), und dass das Ergebnis all dieser sprudelnden, berauschenden, begeisternden Austritte die geheimen Wünsche einer a priori als schön zu bezeichnenden Frau befriedigen kann, lässt bei jedem Kenner der Traditionen erotischer Poesie zumindest eine der allerklassischsten Deutungen nicht von vorneherein ausschließen.

An der Dichtung Füzulis zeigt sich öfter, dass die sogenannte Diwandichtung auf dem Höhepunkt ihrer stilistischen Entfaltung nicht nur ihre Rhetorik dem aptum entsprechend perfekt zu dosieren imstande war, sondern dass sie alles andere als eine blutleere, verkopfte, verkrampfte, sinnesfeindliche oder abstrakte Sache sein musste.

Der aserbaidschanischen Originaltext dieser Strophe aus einem Müsәddәs Füzulis wurde (mit leichten Änderungen) dem Buch „Füzuli sәnәtkarlığı“ von Mir Cәlal (Baku 2018, Çaşıoğlu-Verlag, ISBN 9789952274608), Seite 91, entnommen.