Meine uigurische Literatur: In Symbole gehüllte Rebellion und Helden

Die uigurische Literatur ist reich an Symbolen. Bei den Uiguren, bei denen die freie Liebe Einschränkungen unterliegt, die Kultur eine intensive islamische Prägung angenommen hat und das Haar der Frauen zu einem Tabu geworden ist, gab es im Mittelalter 18 symbolische Wörter mit der Bedeutung „Geliebte“ oder „Geliebter“ (1), und Dichter schrieben hochtrabende symbolreiche Ghaselen (2), in denen sie das Haar der Frauen verherrlichten.
Nachdem die Uiguren nach 1949 zum Joch des kommunistischen Systems verurteilt worden waren, verteidigte ihre Literatur sich selbst mit noch mehr symbolischen Wörtern und bewahrte auf diese Weise ihre Existenz. Die zahlreichsten Symbole waren in jenen Jahren diejenigen, die den Begriff der Freiheit ausdrückten. Manchmal wurde die Freiheit durch ein Baby vertreten und manchmal mit der Morgenröte verglichen. Manchmal wurde eine Assoziation mit dem Frühling hergestellt, dann wieder auf das Licht angespielt.
Bedauerlicherweise hat die allgemeine Verhaftungswelle, die im Herbst 2016 begonnen wurde, die Uiguren, die unablässig neue Symbole erfinden, ihrer symbolischen Literatur und der Lehrbücher über in uigurischer Sprache geschriebene Literatur, welche diese Sprache des Symbolischen an die nachfolgenden Generationen weitergeben könnte, beraubt. Von den Zusammenstellern von Lehrbüchern zur in uigurischer Sprache geschriebenen Literatur wurden Alimdschan Mämtimin und Tahir Nasir zu lebenslangen Haftstrafen und Sattar Sawut, zur Todesstrafe mit zwei Jahren Aufschub verurteilt, mindestens mehr als einhundert Schriftsteller, Dichter, Herausgeber und Illustratoren, darunter Jalqun Rosi, Wahitdschan Osman und Ablät Abdurischit Bärqi, wurden zu Haftstrafen in verschiedener Höhe verurteilt. Die Literatur wurde in vollkommen unverhohlene politische Propaganda verwandelt, die sich ausschließlich der Verherrlichung der Kommunistischen Partei verschrieben hat.
Die schriftliche Literatur der Uiguren setzt vor eintausendfünfhundert Jahren ein. Ihre ersten Werke wurden auf Stein, hölzernen Schrifttafeln oder Leder festgehalten. Die Geschichte der mündlichen uigurischen Literatur ist noch länger. Die Periode, innerhalb derer sie produziert worden ist, ist ungewiss, doch gibt es ein Epos, bei dem die Zeit der Abfassung bestimmbar ist. Darin wird geschildert, wie Oghus, der Sohn des Qaghans (3) namens Aj (Mond) in einer außergewöhnlichen Erscheinung geboren wird, Land und Leute befriedet und aus der Dunkelheit ins Licht und von der Schwäche zur Macht führt. Oghus wird in den vierzig Tagen nach seiner Geburt zu einem Recken. Er tötet das Einhorn namens Qijat, welches Schrecken unter den Menschen verbreitet hat, und zieht dann los. Auf seinem Zug begegnet er einem Mädchen, dessen Haar wie das Meer und dessen Augen wie Sterne sind, und heiratet sie. Als sein Heer sich unterwegs verirrt, zeigt ihnen ein blaugrüner Wolfsrüde den Weg. Diejenigen, die auf dem Zug zu seinen Freunden werden, ihm helfen und sich ihm anschließen, nennt er „Uiguren“. Dieses Epos, das sich den Ursprung des Namens „Uigure“, den Totemglauben der Uiguren, das ausgedehnte mongolische Grasland, in dem die Uiguren lebten, die Umgebung des Tianshan und die Steppen Zentralasiens als Hintergrund wählt, wurde um 1912 von dem Archäologen Von Le Coq (4) im zweittiefsten Ort der Welt, in Turfan, entdeckt. Anhand des Schrift- und Sprachstils wurde das Abfassungsdatum auf das 12. Jahrhundert geschätzt.
In der uigurischen Literatur wurde dieses Epos immer wieder mit einer ähnlichen Struktur, aber abweichendem Inhalt von uigurischen Literaten, die zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten lebten, aufgeschrieben. Nur trat an die Stelle des einhörnigen Qijat ein Drache. Damit der Held groß werden und sich beweisen konnte, musste er unbedingt den Drachen töten, weil dieser im Land ständig Unruhe stiftete und die Leute nicht in Frieden ließ. Wie es der Zufall so will, ist der Drache in den Reichen der Chinesen das Symbol der Herrschaft, er ist der Vorfahr des Kaisers. Während in den Überlieferungen in uigurischer Sprache der Mut eines Helden dadurch unter Beweis gestellt wurde, dass er einen Drachen tötete, wurde in der chinesischen Geschichte das vom Glück beschienene Regieren eines chinesischen Herrschers dadurch bewiesen, dass er einen Mantel mit einem Drachenbild trug und auf einem Thron mit Drachenkopf saß, mit anderen Worten dadurch, dass er sich in einen Drachen verwandelte.
Auch nachdem die Uiguren in die Moderne eingetreten waren, erneuerte sich das Epos um Oghus ständig. Die Geschichten von Helden, die Oghus ähnelten, wurden in verschiedenen Formen niedergeschrieben. Helden wie Oghus sind immer wieder aufgetaucht und schriftstellerisch zum Leben erweckt worden.
Nachdem das Gebiet der Uiguren ab 1949 der kommunistischen Besatzung ausgesetzt worden war, wurden viele Gedichte geschrieben. Dabei wurden vielfach die Symbole der Schwiegermutter und des Gastes eingesetzt. Die Schwiegermutter bezeichnete dabei die Herrschaft der Kommunistischen Partei, während der Gast für das Heer des Aggressors und die dieses Heer begleitenden kolonisierenden Migranten stand.
Die beiden nach der Errichtung der roten Herrschaft erfolgten allgemeinen Verhaftungswellen machten die uigurischen Schriftsteller in den Produktionsstätten und auf den landwirtschaftlichen Flächen, die sich innerhalb der Gefängnisse befanden, zu Hilfsarbeitern und erfahrenen Bauern. Die chinesische KP brachte dann nach dem Beginn der 1980er-Jahre Reformen auf den Weg, und China ließ die Gefangenen frei. Als sich die Tore Chinas zur Welt öffneten und teilweise Freiheit zugelassen wurde, bildete sich in der uigurischen Literatur eine Begeisterung für historische Romane heraus. Doch auch symbolische Gedichte blieben weiterhin ein grundlegender Inhaltsbestandteil jeglicher Art von literarischer Zeitschrift.
Als Teil der Welle der in China umgesetzten Wirtschaftsreformen sowie der Korrektur der historischen Fehler aus der Zeit nach der Machtübernahme im Oktober 1949 erlangten die in den gegen die Uiguren gerichteten allgemeinen Verhaftungswellen des Jahres 1957 und des Jahres 1966 in Haft genommenen uigurischen Literaten das Recht zu schreiben wieder. In den ersten danach veröffentlichten Romanen beweisen die Helden in mit Oghus vergleichbarer Weise zuerst dem Volk ihr Heldentum, dann verlieben sie sich, und am Ende stürzen sie sich an der Spitze eines Heeres in den Kampf, um die Nation zu retten. Wenn wir uns die geschriebenen Romane ansehen, dann sind unter denjenigen der Helden, die von den ältesten Zeiten bis zum Ende des 17. Jahrhundert platziert sind, viele, die siegreich sind, das Volk retten und einen Staat gründen. In den darauffolgenden dreihundert Jahren jedoch sterben die meisten Helden oder kehren unverrichteter Dinge von ihren Zügen zurück, oder ihr Heer beendet seine Züge immer mit einer Niederlage. In der uigurischen Literatur kann man mehr als einhundert Romane nachweisen, die der Historie gewidmet sind und in denen über aus ihr genommene Helden geschrieben wird.
Dafür, dass in der uigurischen Literatur viele historische Romane geschrieben werden, dass die Dichtung vom Anfang bis zum Ende die hauptsächliche Strömung gewesen ist, und vor allem dafür, dass man sowohl in den Romanen als auch in der Dichtung eine hohe Dichte von Symbolen findet, gibt es einige subtile Gründe. Sie liegen möglicherweise in der Unfähigkeit der uigurischen Schriftsteller, die Realität zu beschreiben und sich mit der Wirklichkeit, so wie sie ist, zu konfrontieren, sowie in ihrer Neigung, das Heute nur mit Hilfe von Symbolen über den Rückgriff auf die Vergangenheit auszudrücken. Denn im kommunistischen China, wo die Freiheit erstickt, die Menschenrechte eingeschränkt und die demokratischen Rechte mit Füßen getreten worden sind, war es möglicherweise eine ungefährliche Methode, sämtliche in der Realität vorhandenen Widersprüche durch historische Anspielungen auszudrücken und die praktischen Probleme, die Tragödien und Fälle von Unterdrückung den Lesern in Symbolen verpackt anzubieten. Zum Vergleich: In der auf Chinesisch geschriebenen Literatur ist in der Zeit seit dem Beginn der 1980er Jahre, also seit dem Beginn der Reformära, kein besonderes Interesse für den historischen Roman aufgekommen. Wahrscheinlich kann man hieran ablesen, dass die von der KP Chinas in Gang gesetzten Verfolgungen für die in China sehr zahlreichen Chinesen bedeutungslos, für die Uiguren jedoch sehr hart waren und dass die in Bezug auf die Freiheit des Denkens gewährten Spielräume für Uiguren und Chinesen unterschiedlich gehandhabt wurden.
Als ich im August 2015 die Stadt Kaschgar Hals über Kopf verlassen musste, habe ich mich nicht von Freunden und Verwandten verabschieden können. Ich konnte lediglich einem uigurischen Weißhaupt (5) eigens Lebewohl sagen. Er hieß Hadschi Mirsahid Kärimi. Wir beide unterhielten uns vor dem Hejtgah (6), dem Herz Kaschgars, einer Stadt, deren Geschichte 800 Jahre länger ist als die Moskaus und mehr als zweitausend Jahre umfasst, die mehr als 5 000 Kilometer von Chinas Hauptstadt Beijing entfernt ist und somit näher an Istanbul als an dieser liegt. (7) Zu dieser Zeit war er ein alter Herr, der auf die achtzig zuging. Nach dem, was er sagte, war seine Familie mit Mirsa Ababakr (8) verwandt, einem der berühmtesten Herrscher von Kaschgar. Wie er erklärte, war sein Roman, den er über diese in der uigurischen Geschichte wegen ihrer Grausamkeit berüchtigte Person geschrieben hatte, fertiggeworden und erschienen. Ich fragte ihn, warum er sich daran gemacht hatte, einen Roman über seinen grausamen Vorfahren zu schreiben. Er sagte: „Wer sich der Geschichte nicht ehrlich stellen kann, der ist in derselben Weise auch unfähig, sich der Wirklichkeit zu stellen. In unserer Geschichte gab es nicht nur gerechte Herrscher wie Sultan Sä´id Khan (9) und Sultan Abduräschit Khan, (10) die ich ebenfalls zum Romangegenstand gemacht habe, sondern auch grausame Machthaber wie meinen Vorfahren Mirsa Ababakr. Ich habe die Wahrheit geschrieben. Genauso wie ich meinen Namen nicht verleugne, verleugne ich auch meinen Vorfahren und die Wahrheit nicht.“ Offenbar war das Wort Mir, das in seinem Namen enthalten ist, von seinem Ahnen Mirsa Ababakr auf ihn übergegangen. (11)
Im Juli 2017 beschwerte sich Hadschi Mirsahid Kerimi (12) in einem Interview mit dem in der in der US-Hauptstadt Washington auf Uigurisch sendenden Radio Free Asia darüber, dass die Polizei bei ihm eine Haussuchung durchgeführt habe. Für einen in Kaschgar lebenden Uiguren stellte dies einen Akt außerordentlichen Mutes dar. Denn ganz zu schweigen davon, Radio Free Asia ein Interview zu geben, kann allein schon das Hören dieses Senders einem Uiguren eine mindestens zehnjährige Haftstrafe einbringen. In jendem Interview gab Hadschi Mirsahid Kerimi an, dass Manuskripte historischer Romane, unveröffentlichte Werke und einige historische Bücher beschlagnahmt worden seien und dass die Polizisten ein Verhör durchgeführt hätten. In derselben Unterredung schildert er auch, dass er für ein aus 22 Strophen bestehendes Gedicht mit dem Titel „Das Baby in der Kiste“, das er im Jahr 1957 geschrieben hatte, im Jahr 1959 im Alter von 20 Jahren zu einer Haftstrafe verurteilt, 22 Jahre lang der Freiheit beraubt und jeglicher Art von Folter und Misshandlung ausgesetzt worden sei. Nach dem Beginn der Reformen in China wurde er rehabilitiert und erhielt 1981 die Gelegenheit, in den öffentlichen Dienst einzutreten. Danach wurden sieben seiner Romane und drei seiner Gedichtsammlungen veröffentlicht. Im Anschluss daran wurde auf Radio Free Asia die Nachricht gebracht, dass er im November 2017 inhaftiert und zu einer 11-jährigen Haftstrafe verurteilt worden sei. Die letzte Nachricht war, dass er während des Vollzugs der Haftstrafe am 9. Januar 2021 verstorben sei.
Sooft ich darüber nachdenke, dass in der uigurischen Literatur oft über historische Themen geschrieben wird und dass in ihr viele Symbole verwendet werden, erinnere ich mich an den selig verstorbenen Hadschi Mirsahid Kerimi. In unserer Unterredung hatte er die berichtet, wie es zu dem Ereignis um „Das Baby in der Kiste“ gekommen war, das ihn um 22 Jahre seiner Freiheit gebracht hatte. Dieses Ereignis ist zugleich ein den Menschen, die zu jener Zeit in Ürümtschi lebten, sehr klar vor Augen stehender Umstand.
Doch in der nach 1957 beginnenden Kampagne gegen uigurische Nationalisten wurde das Werk als ein Symbol betrachtet. Im Jahr 1959 entstand die Ansicht, dass das in diesem Werk beschriebene Baby, das von unbekannten Mördern erdrosselt, in eine Kiste gelegt und in einen Bewässerungskanal geworfen wird, zum Symbol für die Besetzung und „Ermordung“ der Republik Ostturkestan, die Ghuldscha (13) zu ihrer Hauptstadt gemacht hatte, durch die Armee der Kommunistischen Partei Chinas am 12. Oktober 1949, gemacht worden sei. Der Autor des Werks wurde in diesem Zusammenhang des Ostturkestan-Separatismus bezichtigt und zu einer 13-jährigen Haftstrafe verurteilt. Das bedeutet: Auf der einen Seite sind die uigurischen Schriftsteller gezwungen, ihre Gefühle, die sie aufgrund der Missstände des herrschenden Systems in Schrifterzeugnisse verwandeln wollen, in symbolischer Weise auszudrücken; auf der anderen Seite fürchtet sich das herrschende kommunistische System jedoch auch dann, wenn die Schriftsteller die Realität beschreiben, vor deren geheimer Neigung zur Rebellion, gerät so in Zweifel, ist der Meinung, dass sie sich in Symbolen ausdrücken und bestraft sie entsprechend.
Während die erste Inhaftierung Hadschi Mirsahid Kerims ihren Grund darin hatte, dass er die Realität beschrieb, hatte die zweite damit zu tun, dass er die Geschichte beschrieb. Diese Tatsache beweist uns, dass den uigurischen Schriftstellern seit 2017 vollkommen die Hände gebunden sind. Mit anderen Worten: Die innerhalb der uigurischen Literatur vorhandene Strömung des symbolischen Aufstands und der Beschreibung der Helden wurde vollkommen erstickt.
Das Mittel, um die uigurische Literatur an die nachfolgenden Generationen zu vermitteln, waren Lehrbücher zur uigurischen Literatur. Auch wenn das uigurische Bildungswesen seit 2001 sinisiert worden war, gab es an einigen Schulen immer noch Uigurischunterricht. Uigurische Literatur wurde als Unterrichtsgegenstand gelehrt. Doch im September 2015 wurde der der Unterrichtsgegenstand „Uigurische Literatur“ abgeschafft. Im Oktober des Jahres 2016 wurden der Schriftsteller Jalqun Rosi, der Bildungsminister Sattar Sawut, der stellvertretende Minister Tahir Nasir, Alimdschan Mämtimin, der Leiter des pädagogischen Verlags, der die erwähnten Bücher immer veröffentlicht hatte, Abdurasaq Sajim und andere, die Lehrbücher zusammengestellt oder bei ihrer Zusammenstellung Leitungsfunktionen übernommen hatten, in Haft genommen. Von April 2017 an wurden die Lehrbücher eingezogen und verbrannt. Uigurische Experten, die an der Zusammenstellung der genannten Lehrbücher beteiligt gewesen waren, Schriftsteller, Dichter und Forscher, deren Werke in Auswahl in den Lehrwerken vorkamen, sowie Illustratoren, die Illustrationen zu ihnen beigetragen hatten, kamen in Haft. Im Jahr 2018 wurden sie jeweils zu Strafen verurteilt.
Ab 2017 wurden uigurische Schriftsteller insgesamt in Haft genommen. Die Heimat der Uiguren verwandelte sich in eine digitale Haftanstalt Chinas. Mehr als drei Millionen Uiguren und Angehörige anderer turksprachiger Nationen wurden in Haft genommen. In dieser Situation, unter Umständen, in denen die uigurische Sprache aus dem Bildungssystem herausgenommen worden ist und in der aufgrund der Überwachung durch die sogenannten „chinesische Gäste“, welche die Regierung seit 2018 in den Familien platziert, das Uigurische selbst innerhalb der Häuser nicht mehr gebraucht wird, wo soll es da noch uigurische Literatur geben?
Meinem Eindruck nach setzen uigurische Schriftsteller ihr Schaffen in verschiedenen Ländern im Ausland, in Ländern, wo sich Uiguren angesammelt haben, und im Exil trotz alledem fort. Hinzu kommt, dass es in der US-Hauptstadt Washington einen Radiosender, Radio Free Asia, gibt, der jeden Tag eine Stunde lang sendet. Diese Radiostation veröffentlicht Werke uigurischer Dichter. In Kasachstan leben mehr als 300 000 Uiguren. Dort gibt es einen Verlag namens MIR, der Bücher in uigurischer Sprache veröffentlicht und eine uigurische Abteilung besitzt. Es gibt dort auch die auf Uigurisch erscheinende Zeitung „Stimme der Uiguren“ (Ujghur Awasi). Des Weiteren gibt es in Kasachstan mehr als 15 000 uigurische Schüler, die auf Uigurisch unterrichtet werden. Aus all diesen Gründen hält die uigurische Literatur ihre Existenz im Exil aufrecht.
Wie wird es weitergehen mit der uigurischen Literatur? Wird sie die in die Symbole, welche sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben, gehüllte Rebellion fortführen? Meiner Meinung nach wird sie sie fortführen. Meiner Meinung nach werden die in der uigurischen Literatur enthaltenen Symbole erneut ihre Kraft zeigen. Sie werden neue Nuancen erhalten. Denn die Uiguren halten im Exil eng an ihrer traditionellen Kultur fest. Dies wird eine Stärkung des Islams zustandebringen, und im Ergebnis wird es erneut möglich sein, Beschränkungen unterliegende Themen wie Liebe und Sexualität mit Hilfe von Symbolen zum Ausdruck zu bringen.
Zentralasien ist noch nicht demokratisch geworden. Auch Kasachstan, dasjenige Land, in dem die meisten Uiguren leben, ist noch kein demokratisches Land. Aus diesen Gründen werden die Zeit und der Ort es noch eine ganze Weile erforderlich machen, die Realität mit Hilfe von Symbolen auszudrücken. Auch jetzt noch werden historische Romane über Helden geschrieben. Im Jahr 2021 wurde in Deutschland ein historischer Roman geschrieben. Historische Romane könnten auch in Zentralasien, insbesondere in Kasachstan, wieder geschrieben werden.
Eine stark gekürzte, modifizierte Version des obigen Textes ist unter dem Titel „Uigurische Literatur. In Symbole gehüllte Rebellion und Helden“ in der von er Gesellschaft für Bedrohte Völker herausgegebenen Zeitschrift Für Vielfalt. Zeitschrift für Menschen- und Minderheitenrechte 1 (2023), Seite 32-36, erschienen.
Aus dem Uigurischen übersetzt von Michael Reinhard Heß
Anmerkungen zum Text
(1) Es gibt im Uigurischen keine grammatikalische Geschlechtsmarkierung. Das hier mit „ ,Geliebteʽ oder ,Geliebterʽ übersetzte Wort jar kann Personen jeglicher geschlechtlicher Zuordnung bezeichnen.
(2) Die Ghasele ist eine Form der klassischen islamischen (und daher auch uigurischen) Literatur.
(3) Qaghan ist ein Titel alttürkischer Herrscher, der von der Bedeutung her in etwa dem Kaiser entspricht.
(4) Gemeint ist der deutsche Archäologe, Orientalist und Turkologe August Albert Von Le Coq (1860-1930).
(5) Das Wort „Weißhaupt“ (mojsipit) steht für ältere Respektpersonen, die in der uigurischen Gesellschaft oft eine herausragende Rolle spielen.
(6) Hejtgah („Platz des Festes“) ist der Name der größten Moschee Kaschgars, die zugleich die größte und bedeutendste Xinjiangs ist.
(7) Tatsächlich ist die Luftlinien-Entfernung zwischen Kaschgar und Istanbul in etwa mit derjenigen zwischen Kaschgar und Beijing identisch. Nach der Online-Berechnungssite https://www.luftlinie.org/ [Zugriff am 19. Januar 2023] beträgt die Entfernung zwischen Istanbul und Kaschgar Luftlinie 3947,49 Kilometer, die zwischen Kaschgar und Beijing Luftlinie 3959,15 Kilometer.
(8) Gemeint ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Mirsa Ababakr Dughlat (gestorben um 1514), ein lokaler Herrscher aus der berühmten Familie der Dughlat. Er übernahm im Jahr 1480 die Macht in Kaschgar.
(9) Sultan Sä´id Khan (1487-1533) beherrschte das Khanat (Fürstentum) um die Stadt Jarkend (uigurisch Jäkän, chinesisch 莎车Shāchē) von 1514 bis 1533. Bei dem Namensbestandteil Khan handelt es sich eigentlich um einen Titel (etwa „Fürst“).
(10) Abduräschit Khan (oder Abdirischit Khan) lebte von 1508 bis 1560 und herrschte von 1533 bis 1560 über Jarkend.
(11) Der Namensbestandteil Mirsa bedeutet so viel wie „Sohn eines Fürsten“ und ist von dem Wort Mir („Fürst“) abgeleitet.
(12) Der Name wird hier in abweichender Form von der Erstnennung („Hadschi Mirsahid Kärimi“) wiedergegeben
(13) Die Stadt Ghuldscha (chinesisch 伊犁Yílí) war die Hauptstadt der von 1944 bis 1949 bestehenden unabhängigen Republik Ostturkestan, in der die Uiguren eine führende Rolle spielten.
Die Anmerkungen stammen von Michael Reinhard Heß.
Quelle des Bildes:
https://en.wikipedia.org/wiki/Abduweli_Ayup#/media/File:Abduweli_Ayup.jpg