Das Gedicht an der Wand
Vor lauter Langeweile blieb mir nichts anderes übrig, als die Wand vor mir in allen Details gründlich zu „studieren“. Auf ihr fielen gleich die in Chinesensprache und auf Uigurisch geschriebenen Namen irgendwelcher Leute ins Auge. Auch gab es die einen oder anderen Gedichte über die Liebe. In einem davon, das mir im Gedächtnis geblieben ist und das ich ziemlich angemessen fand, stand geschrieben:
- Ein Tag ist vergangen, ein Berg hinter mir
Der Rauch verhüllt vor mir die Sonne
Soll der Faden meiner Hoffnung reißen,
Wenn nicht mehr sehe ich die Sonne?
An der Wand war auch ein Kalender aufgezeichnet. Der Häftling, der ihn aufgemalt hatte, musste am 13. Januar 2014 verhaftet oder in das Gefängnis von Köktagh eingeliefert worden sein. Wie man sehen konnte, hatte er von diesem Tag an Markierungen auf dem Kalender hinterlassen, an jedem Tag für einen auf den Kalender befindlichen Tag eine Markierung. Ob er am 21. August entlassen wurde oder ins Gefängnis überstellt wurde? Jedenfalls waren an den Tagen nach diesem Datum keine Markierungen angebracht worden. Als keiner hinschaute, machte ich eine Markierung beim 26. August.
Als ich einen genaueren Blick auf den Bereich oberhalb des Kalenders warf, sah ich, dass in einer fast nicht lesbaren krakeligen Schrift folgendes Gedicht auf Uigurisch hingeschrieben worden war:
- Du Ort, an den von der Erdoberfläche man bannt
Ich dich ständig suchte, verirrter und Streuner genannt
Du Blut in den Adern der Pappeln, so bist du bekannt
Ich Traum stets begrüne im Frühling aufs Neue das Land
Du Schatz, von Geburt an gehörst du mir, bist mir verwandt
Ich trockne dir fern völlig aus, meine Seele: verbrannt
Du bist meine Herkunft, sie wurde zu Stroh und verschwand
Ich Aschen-Kagan* ohne Glück, ohne Thron nun auch stand

Dieses Gedicht ähnelte dem Gedicht „Du“ von Kerimdschan Sulajman, meinem Lieblingsgedicht dieses Autoren. In diesem Gedicht gab es die Zeilen:
- Du Lied, das gedacht wurde, niemals ertönte
Mein Leben, das nie durch die Tür für mich ging
Du stets mir bekannter, niemals gerufener
Gedanke, der Gleiches wie „Mutter“ umfing
Mein Nichtsein, an dem lange suchend ich hing
Mir erschien ein Dichter, der durch die Lektüre ähnlicher Gedichte wie desjenigen von Kerimdschan Sulajman beeindruckt selber durch solche Gedichte in den der Sklaverei anheimgefallenen Herzen ein Feuer entfachte, der vor allen Dingen selber von dem Feuer erfasst worden war, das er ansteckte, und der sich so der Haftbedigungen würdig erwies, sehr sympathisch. Stundenlang starrte ich dieses Gedicht an, das mit den Fingernägeln geschrieben worden war und dessen Zeilen sich ineinanderschoben. Ich studierte es sorgfältig, als wollte ich in diesen Versen, zwischen diesen hingekritzelten uigurischen Buchstaben das Gesicht des Dichters entdecken. Und ich hatte ein Gefühl, als ob dieses Gedicht, sich in Staub auflösen würde, wenn ich versuchte, es festzuhalten, und als ob ich diese Verse niemals mehr wiedersehen würde, falls ich sie mit meinen Fingern berührte.
Erläuterung zum Text
Den Titel Kagan (uigurisch qaġan) trugen die Herrscher großer alttürkischer Reiche.
Zum Verständnis des Textes
Der obige Textausschnitt stammt aus Abduveli Ayups Buch im Jahr 2021 in Istanbul (Täklimakan Uyġur Näšriyati) erschienen Buch "Gefängiserinnerungen: Gefangene Seelen" (Türmä xatiriliri: mähbus rohlar).
Die Gedichte werden hier zusammen mit dem umgebenden Prosatext gezeigt, um verständlich zu machen, welche Rolle sie im Textfluss spielen. Die Einbettung von Gedichtpassagen in Prosa hat in der uigurischen Literatur eine sehr lange Tradition. Entsprechende Vorbilder lassen sich bereits in der klassischen islamisch-turksprachigen Literatur Zentralasiens nachweisen. Ayups Text ist innerhalb dieser Tradition aus zwei Gründen literarisch bemerkenswert. Zum einen handelt es sich um gleich zwei Gedichte, die sich aufeinander beziehen und von denen das zweite in der Wahrnehmung des (stark autobiographisch oder dokumentarisch geprägten) Ich-Erzählers durch das erste ausgelöst ist. Zum anderen ist der Kontext außergewöhnlich, in den die Gedichte eingebettet sind, da es sich um eine kaum oder nicht fiktionalisierte Darstellung handelt, die auf Erlebnisen beruht, die Abduveli Ayup selbst gemacht hat. Man vergleiche hierzu etwa das ebenfalls auf der Gulandot-Seite präsentierte Gedicht "Iz" von Abdurehim Ötkür, das zwar ebenfalls auf die uigurische Wirklichkeit Bezug nimmt, aber in einem wesentlich stärker fiktionalisierten Kontext.
Das Leben und das vielfach auf diese bezogene schriftstellerische und publizistische Werk Abduväli Ayups (*1974; uch in anderen Namensformen wie ttü.Abüldveli Ayup, Weli Ayup etc.) dokumentieren den brutalen und tiefen Einschnitt, mit dem die Regierung der Volksrepubik China in der Zeit von etwa 2013 bis 2017 nicht nur praktisch jeglichem uigurischen Kulturleben im Land ein jähes Ende setzte, sondern auch einen Großteil der wichtigsten Repräsentanten des uigurischen Kulturlebens direkt verfolgte, nicht selten foltern ließ und in einigen Fällen für deren Tod verantwortlich wurde.
Abduväli Ayup ist nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Autor pädagogischer Bücher, inbesondere Sprachlehrbücher, bekannt geworden. Die Aufmerksamkeit eines internationalen Publikums erregte er aufgrund seiner Fluchtgeschichte. Diese wurde inzwischen ausführlich aufgearbeitet und ist Gegenstand einer wissenschaftlichen Monographie geworden.
Nach einer Zeit als Uigurischlehrer in Kaschgar war Ayup von Dezember 2005 bis Juni 2006 Gastwissenschaftler an der Universität Ankara. Danach studierte er mit einem Stipendium der Ford-Stiftung an der Universität von Kansas und schloss das Studium 2011 mit einem master´s degree in Sprachwissenschaft ab. Danach kehrte in seine Heimat Xīnjiāng zurück, wo er eine Sprachschule für Uigurisch eröffnete.
Am 20. August 2013 – also zu Beginn der jüngsten Repressionsphase in der VR China – wurde er von den chinesischen Behörden mit dem Vorwurf festgenommen, illegal Geld für sein Schulprojekt eingeworben zu haben. Zwei seiner Mitarbeiter wurden ebenfalls festgenommen. Die offizielle Anklage wurde am 17. Mai 2014 erhoben, und der nur einen Tag dauernde Gerichtsprozess fand am 21. August desselben Jahres statt. In ihm wurde Ayup wegen illegaler Geldbeschaffung zu 18 Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von umgerechnet etwa 12 000 Euro verurteilt, was für volksrepublikanisch-chinesische Verhältnisse eine enorme Summe darstellt. Nach einem Einspruch gegen das Urteil wurde Ayup am 20. November 2014 freigelassen und lebte danach eine Weile in Freiheit in Kaschgar. Später gelang es ihm, die Volksrepublik zu verlassen.
Durch die Xinjiang Police Papers erfuhr Ayup im Sommer 2022, dass sein Bruder Ärkin zu den Inhaftierten gehörte. Gegenwärtig (2022) lebt er im Exil in Norwegen.
Zu Ayups Werken zählen neben diversen spracherzieherisch-pädagogischen und populärwissenschaftlichen Titel für Kinder auch das 2018 In Istanbul erschienene Buch Oyular vadisi Türkiyä („Die Türkei, ein Tal der Spiele“). Es versammelt neben einer Kurzbiographie des Autoren 66 kurze Prosatexte, in denen Ayup seine Eindrücke über die Türkei sowie die Situation der Uiguren in der Türkei wiedergibt. Ebenfalls eine Sammlung von kurzen Prosatexten stellt das im selben Jahr erschienene Täpäkkür vä tuzaq („Das Denken und die Fallen“) dar. Ähnlichen Charakter wie das vorgenannte Werk tragen auch Bügünniŋ tarixi, dessen Titel im Buch selbst mit The History of Today übersetzt wird, sowie Kälgüsimiz pärqliq bolidu („Unsere Zukunft wird anders sein“). Diese und viele andere Werke Ayups gehen streckenweise in tagebuchartige Aufzeichnungen über.
Die hier vorgestellten Texte veröffentlichte Ayup unter dem Titel Mähbus rohlar („Gefangene Seelen“). Darin setzte er sich ausführlich mit seinen Erfahrungen in volksrepublikanisch-chinesischen Gefängnissen sowie allgemein mit der Situation der Uiguren in der Volksrepubklik China auseinander. Eine Übersetzung der Gefängniserinnerungen in die türkeitürkische Sprache hat Ayup selber im Jahr 2020 herausgebracht. Ebenfalls auf Türkisch widmete sich Ayup noch ein weiteres Mal seinen Gefängniserlebnisse aus China im Jahr 2021 unter dem Titel Özgür Mahkum („Der Freie Inhaftierte“).