Die Spur

- Man warf uns hinaus auf die sehr lange Fahrt, da waren erst Kinder wir nur,
Inzwischen sind unsere Enkel so groß, mit Pferden bereiten die Flur. - Man warf uns hinaus auf die schwierige Fahrt, da waren wir wenige nur,
Doch nun nennt man uns Karawane, in Wüsten gelassen wir haben die Spur. - Die Spur ist geblieben in Wüsten und manchmal dazwischen auf allerlei Pässen,
Und zahlreiche Löwen in Wüsten und Weiten, wo nichts je Begräbnis erfuhr. - Nichts? Aber nein! unser Grab, tamariskenumrötet in Ödnis im Frühjahr
Wird vielfach mit Blüten besät und erfüllt, wenn morgigen Tag zeigt die Uhr. - Das Ziel ist verloren, die Spur ist verwischt, und alles in Ferne verschwunden,
Doch Sandsturm wird nie unsre Spur je verwehen, selbst formend die Dünen zur Schnur. - Der Zug auf dem Weg, er hält niemals an, auch mit mageren elenden Kleppern,
Die Spur werden finden, der Tag kommt gewiss, unsere Enkel, nach ihnen die Ur-.
Uyghurischer Originaltext ("Iz")
- Yaš iduq uzun säpärgä atilip maŋġanda biz,
Ämdi atqa mingidäk bop qaldi änä nävrimiz. - Az iduq müškül säpärgä atilip čiqqanda biz,
Ämdi čoŋ karvan atalduq, qaldurup čöllärdä iz. - Qaldi iz čöllär ara, gayi davanlarda yänä,
Qaldi ni-ni ar[i]slanlar, däšt[v]-čöldä qävrisiz. - Qävrisiz qaldi demäŋ yulġun qizarġan dalida,
Gül-čičäkkä pürkinur, taŋna baharda qävrimiz. - Qaldi iz, qaldi mänzil, qaldi uzaqta hämmisi,
Čiqsa boran, köčsä qumlar häm kömülmäs izimiz. - Toxtimay karvan yolidin gärčä atlar bäk oruq,
Tapqusi hičbolmisa, bu izni bir kün nävrimiz ya ävrimiz.
Anmerkungen
Ich poste hier eine nochmals leicht überarbeitete Version der Übersetzung und eine anhand des Originals korrigierte Form des Textes von Abdurehim Ötkürs berühmtem Gedicht.
Der hier wiedergegebene Text von Iz stammt aus dem 1985 ersterschienenen gleichnamigen Roman Ötkürs.
Auch wenn der Text in der obigen Form, das heißt mit paarweise arrangierten Zeilen, die durch eine Leerzeile getrennt ist, mittlerweile im Internet weite Verbreitung gefunden hat, ist dies nicht die Gestalt, in der er in dem Roman erscheint. Dort ist er als Fließtext formatiert (siehe die unten verlinkte Online-Ausgabe) und ebenfalls mit einem Komma nach jeder ersten und einem Punkt nach jeder zweiten Teileinheit. Dieser Fließtext bildet einen eigenen Absatz, der zugleich der erste Absatz des Romans und seines „Vorworts“ (Muqäddimä) ist.
Vorangestellt ist dem Fließtext von Iz ein Zitat von Machmud al-Kaschgari (ca. 1005-1102): „Seine alte Spur, dass jemand gegangen ist“ (Qädimi izi – biravniŋ maŋġinini körsitidu). Kaschgari gilt als erster Lexikograph der turksprachigen Welt. Sein in arabischer Sprache verfasster „Diwan der Sprachen der Türken“ ist eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte und Sprache der Turkvölker.
Das Arrangement des Textes (Fließtext/ Gedicht) und das vorangestellte Kaschgari-Zitat geben die Struktur des ganzen Romans vor, der ohne jeden Zweifel zu den einflussreichsten uigurischen Romanen überhaupt zählt. Es geht um die Spuren der Vergangenheit. Viele Uiguren sehen in Kaschgari einen historischen Vorläufer, und auf jeden Fall hat er entscheidende Spuren der Kultur und Sprache der Turkvölker konserviert.
So wie das Kaschgari-Zitat den Gedicht-Fließtext einleitet, leitet dieser die Muqäddimä ein, die sich wiederum in programmatischer Form an die Leser wendet, um diesen das Verständnis des Romans nahezubringen. So wie Kaschgari in der Vergangenheit Spuren hinterlassen hat – und das Prinzip der Spur in dem Zitat selbst reflektiert hat – so wird auch der Roman Iz die Spuren der Geschichte des uigurischen Volks bewahren, und so wird die Geschichte dieses Volks selber nicht vergessen werden. Dies ist wohl die Kernaussage des Romans und auch einer der Gründe für seine extreme Beliebtheit. Nach der offiziellen Bestätigung des Ethnonyms „Uigure“ im Jahr 1921 hatte das Volk eine sehr komplizierte geschichtliche Entwicklung durchmacht, und sein Großteil war in die 1949 gegründete Volksrepublik China gekommen. Inbesondere in der Zeit der sogenannten „Großen Kulturrevolution“ (1966-1976) hatten die Uiguren in China viel zu leiden, und die Spuren ihrer Kultur waren weniger sichtbar. In der nach dem Tod Maos (1976) und insbesondere der 1978 beginnenden Phase de "Reform und Öffnung" (改革开放 Gǎigé-kāifàng) wurde auch in der uigurischen Kultur in China wieder vieles möglich, unter anderem das Erscheinen von Ötkürs Roman. Die „Spuren“ waren offenbar noch nicht gänzlich verwischt worden und sind es bis heute nicht.
Quelle des Originaltextes:
Ötkür 2023 [1985]. Ötkür, Abdurehim: Iz [Spuren]. Xälpätup, Abduväli (Hg.). Ürümči: Šinjaŋ Xälq Näšriyati. Https://elkitab.org/iz_abdurehim_otkur_-_tunji_neshir_suzuk_sikan_nusxisi/ [downgeloaded am 6. Januar 2023].